Näheres zu Denkanstoß 7: Realitätsnaher demokratischer Humanismus

Wir dürfen nicht als diejenigen dastehen, die Religion ablehnen und damit angeblich ohne Werte wären. Wer radikale Religionsaufklärung betreibt, der sollte auch eine nicht ideologische, nicht das ganze Leben diktierende und vor allem nicht irrationale Wertealternative anbieten. Dies ist in der internationalen Außendarstellung auch gegenüber tiefgläubigen ausländischen Staaten wichtig.

Der Aspekt der Förderung der Mitmenschlichkeit als offizieller und geförderter und propagierter Wert der deutschen Gesellschaft ist als Ergänzung zu Aufklärung unverzichtbar. Menschen brauchen einen gesellschaftlich vermittelten Sinn, der aber nur ein Teilsinn ihrer Lebensgestaltung ausmachen sollte und sich auf das gesellschaftlich Nötigste und Grundlegendste beschränkt und keine sektenartigen oder auch nur aufdringlichen Formen annimmt.

Natürlich sind den Liberalen vom Staat vermittelte Werte ein Gräuel. Moralische Werte sind für Liberale eine reine Privatsache. Der vernunftbegabte Mensch trifft aufgrund seiner Bildung von sich aus vernünftige Entscheidungen – so die liberale Meinung.

Diese Ansicht ist nicht weniger naiv als die Annahme eines allwissenden und allmächtigen Gottes. Vom Homo Rationalis ist die Menschheit sicherlich noch ein paar hunderttausend Jahre entfernt.

Einer der Grundfehler dieser Annahme des rationalen Menschen besteht schon darin, dass der Mensch primär solche Werte als sinnstiftend anerkennt, die von einer ihm nahestehenden menschlichen Gemeinschaft bestätigt und mitgetragen werden. Nicht primär der Verstand prägt die Werte des Individuums, sondern die Gesellschaft in ihren verschiedenen Formen, d.h. Familie, Freunde, Verein oder Medien usw..

Die breite Förderung und Vermittlung von Mitmenschlichkeit als Teillebenssinn der Menschen, neben ihren persönlichen Zielen und neben der Wahrung von Demokratie und Freiheit wäre eine sinnvolle Basis für eine neue Moralkultur bzw. Anerkennung einer eh schon in vielen Grundzügen vorhandenen Moralkultur. 

Mitmenschlichkeit im weiteren Sinne ist eh schon Bestandteil des Denkens und auch des Handelns bei sehr vielen Menschen. Es ist nichts Anders als das Ziel in diesem Leben ein guter Menschen zu sein bzw. mit dem Bewusstsein gehen zu wollen, ein guter Mensch gewesen zu sein. Ein guter Mensch zu sein als Verpflichtung im Leben, als Verpflichtung für die heranwachsende Generation und für zukünftige Generationen und als Verpflichtung für das Wunder des Lebens überhaupt anzusehen.

Dieses in ganz vielen Menschen sowieso vorhandene moralische Bestreben hat nur keine Identität und erhält damit auch kaum bzw. zu wenig gesellschaftliche Anerkennung. Mit dem Begriff des Welthumanismus können die meisten Menschen nicht mehr anfangen als mit einer Vorlesung über marxistische Dialektik. Ergänzend spielt dieser Welthumanismus sich auf der Weltbühne ab, die für 99% der Menschen nur im Fernsehen stattfindet.

Der Vorschlag hier wäre daher die Einführung eines demokratischen Humanismus als Gegenpol zu religiösem (oft Fake-)Humanismus. Der alte Liberalismus sollte durch einen Humanistischen Liberalismus abgelöst werden, der auch eine uralte liberale Position beinhaltet, u.a. soziale Unterstützung auch in die Arme der Menschen legt und nicht als alleinige Aufgabe des Staates betrachtet. 

Dazu muss die soziale Verantwortung des Einzelnen aber auch gestärkt werden, u.a. indem sie gesellschaftliche Anerkennung erhält bzw. mehr Anerkennung erhält als bisher.

Jeden Tag eine gute Tat, so hat es schon bei den Pfadfindern geheißen und ist dieser Slogan etwa falsch? Ohne daraus aber eine tägliche Pflichtübung zu machen. Die Bewerbung eines Demokratischen Humanismus darf selbstverständlich nicht in sektenartigen Beschwörungen ausarten. Hierzu wäre ein sehr feinfühliges Konzept zu erarbeiten.

Mit einem demokratischen Humanismus bzw. einem humanistischen Liberalismus rennen die Liberalen auch wieder bei sehr, sehr vielen Menschen offene Türen ein. Wobei Wählerstimmen aber nicht der eigentliche Grund für die Wahl zu einem humanistischen Liberalismus sein sollten, sondern die eigene feste Überzeugung.

Ganz wichtig ist dabei aber das Attribut „realitätsnah“. 

Nicht nur, weil ein praktizierter Humanismus nur ein Teillebenssinn sein darf, der eben – neben einer grundsätzlichen Orientierung - nur einen kleinen Zeitanteil des Lebens der Menschen einnimmt, denn alles andere ist realitätsfern.

Sondern auch, weil der Mensch auch an sich selbst denken muss, vor allem aber der Staat, an seine Bürger denken muss. Auch der Hilfsbereitschaft von Staaten sind Grenzen gesetzt, z.B. aktuell bei der Asylgewährung. Dies anzuerkennen, heißt realitätsnahen Humanismus zu praktizieren. Auf internationaler Ebene kann ein wirtschaftliches Staatshandeln nur vorwiegend frei von Moral und Humanismus sein. Realitätsnaher Humanismus erkennt an, dass man international Humanismus zwar anstreben kann, aber nur extrem geringe Handlungsspielräume bestehen und der eigene wirtschaftliche Vorteil in der Regel höher bewertet werden muss.

Die Wahrung von Demokratie, Freiheit, Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit und Frieden, sowie sein Leben hier und jetzt zu genießen (und nicht erst im angeblichen Paradies) und sich eigene persönliche Lebensziele zu suchen und sich frei zu entfalten bei gleichzeitigem verantwortungsvollen Einbringen in die Gesellschaft, u.a. durch Mitmenschlichkeit, und der Vermittlung eines toleranten Nationalismus, das sollte das Angebot einer deutschen, einer europäischen, einer westlichen, einer demokratischen Welt an die Menschheit sein.

Das ist der liberale Standpunkt.

 

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